Slow Mountain

Die Schweiz ist nicht nur Käse- und Schokoladenland, die Schweiz ist auch Rekordhalter! Die längste Piste der Welt, die höchste Bergstation der Alpen, spektakuläre Seilbahnen, schneller, effizienter und moderner als irgendwo sonst. Das ist auch in Graubünden so.

In ganz Graubünden? Nein! Ein von unbeugsamen Schweizern bevölkertes Dorf hört nicht auf, sich an früher zu erinnern und erweckt längst verlorengeglaubte Skierlebnisse zu neuem Leben.

Davos ist heute nun wirklich kein Dorf mehr, richtig. Aus dem Bergbauerndorf wurde schon 1853 ein Luftkurort, kurz darauf die Wintersport-Destination der Alpen. Eislaufen, Rodeln – und natürlich Skifahren. An Weihnachten 1883 trafen die ersten Paar Telemark-Ski aus Norwegen in Davos ein. Fast 50 Jahre später wurde hier am Bolgen der weltweit erste Bügelskilift in Betrieb genommen, was den Stein erst so richtig ins Rollen brachte. Jahrzehntelang war Davos der Place to be. Jeder, der etwas von sich hielt, fuhr Ski. Und zwar nicht irgendwo, sondern auf den Pisten über Davos. Schatzalp/Strela, Brämabüel/Jakobshorn, Parsenn, Pischa, Rinerhorn und Madrisa. Im Jahr 2002 aber wurde der Liftbetrieb auf der Schatzalp eingestellt.

Sieben Jahre später wurde wiedereröffnet. Die Zeit war reif! Während anderswo die Lifte noch schneller fuhren, noch mehr Skifahrer in noch kürzerer Zeit transportierten, erweckte man die Schatzalp aus ihrem Schlaf und hatte urplötzlich ein Fossil entdeckt! 

Europas erstes entschleunigtes Skigebiet! Mit Gemütlichkeit statt Adrenalinrausch. Mit Naturschnee, ganz ohne künstliche Beschneiung. Und mit langsam vor sich her zuckelndem Sessellift. Da fängt die Skisaison vielleicht etwas später an, oder hört früher auf, je nach Schneelage. Da braucht man auch mal etwas länger, bis man die Gipfelstation erreicht hat. Aber hier ist niemand hergekommen, um möglichst oft und schnell ins Tal hinabzubrettern. Hier ist man, um von früher zu träumen. Skifahren wie damals. Slow Mountain!

Nostalgie der Extraklasse. Wer noch tiefer in die Materie eintauchen will, der begibt sich auf den Nostalgie-Run, im Skigebiet Parsenn in Davos‘ Norden. Seit mehr als 150 Jahren wird hier schon skigefahren. Die somit wohl älteste Abfahrtsroute überhaupt, führt auf Parsenn vom Weißfluhgipfel bis hinunter nach Küblis. Zwölf Kilometer Skigeschichte! Während der Befahrung passiert man insgesamt acht Informations-Posten und auch wenn man im Rausch des Skifahrens ist: Eine kurze Pause zum Lesen der Tafeln sollte man sich unbedingt nehmen. Danach schwingt man anders die Piste hinab, sieht die Welt mit anderen Augen. Und es fällt noch einfacher, sich in die längst vergangenen Wintertage zu träumen. 

Eine Studie der Davoser Skischule zeigte, dass Skischüler pro Unterrichtsstunde gerade mal sechs Minuten mit Skifahren verbrachten. Den Rest der Zeit benötigten sie für den Aufstieg zum Start. Man kann sich leicht vorstellen, was heute los wäre, wenn derart ineffizienter Unterricht angeboten würde. Die Studienergebnisse sind daher natürlich auch nicht aktuell, sondern wurden Ender der Zwanziger veröffentlicht. Eine Lösung, ließ nicht lange auf sich warten: Der Zürcher Ingenieur Ernst Gustav Constam, selbst passionierter Skifahrer, entwickelte eine Schleppseil-Anlage mit Förderseil. 1930 meldete Constam seine Erfindung beim Patentamt an. Am 24. Dezember 1934 wurde direkt bei Davos der Bolgenlift in Betrieb genommen. Einerbügel, 270 Meter lang, 60 Meter Höhendifferenz, mit einem 24 PS starken elektrischen Antrieb an der Talstation, fünf Zwischenstützen und einer Umlenkstation. Der erste Bügelskilift der Welt!

70.000 Skifahrer nutzten in der ersten Saison den Lift, ein echter Erfolg! Schnell wurden die J-Bügel durch T-Bügel ersetzt, was die Personenzahl noch einmal verdoppelte. Heute dauert die Fahrt mit dem Klassiker lediglich zwei Minuten. Familien, Anfänger und Kinder fühlen sich hier wohl. Höher hinaus, geht’s aber auch: Über die Jschalp gelangt man schnell und einfach hinauf zum Gipfel des 2590 Meter hohen Jakobshorn. Fünf Berge in der Umgebung des einstigen Bauerndorfes wurden mittlerweile erschlossen. 300 Pistenkilometer. Topmodern und meist schon mehr als up to date.

Die urige Hütte auf dem Strela Pass liegt trotzdem noch genau so da wie damals. Niedrig duckt sie sich unter dem Schiahorn, stellt seit Jahrzehnten Wind und Wetter und natürlich werden auch heute noch Gäste hier oben mit Suppen, hausgemachtem Apfelstrudel, handgerolltem Flammkuchen und Bündner Spezialitäten verwöhnt. Eben wie damals. Ein echtes Tor in die Vergangenheit, auf 2353 Metern. Hoch über Davos. Slow down!

Text: Benni Sauer