Hand Werk Kunst

Sie war wohl eine der prägendsten Erfindungen der Menschheit. So ausschlaggebend, dass wir Neuzeitler ganze Epochen nach Materialien benannten, aus denen sie gefertigt wurde: Bronze- und Eisenzeit waren Klingenzeit!

Als die Menschheit nach über zwei Millionen Jahren der Steinzeit entdeckte, dass sich Bronze leichter bearbeiten lässt und dabei eine höhere Festigkeit als Stein aufweist, wurde die Messerklinge schnell zum allgegenwertigen Werkzeug. Zur Waffe und zum Statussymbol. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Ja, Bronze und Eisen sind perfekten Werkzeugstahl-Legierungen gewichen, Schleifmaschinen sowie moderne Öfen erleichtern die Herstellung enorm. Doch wegzudenken war das Messer in den letzten 5000 Jahren der Menschheitsschichte nicht mehr. Weder in der Küche noch in der traditionellen Messertasche der Lederhose. Denn als die Lederhose das Licht der Welt erblickte, da waren ihre Träger meist Landwirte, in deren Alltag sich eine scharfe Klinge immer bewährte. Und selbst im Gasthaus war damals nicht unbedingt mit Besteck zu rechnen. Das Lederhosenmesser gehört seitdem zum traditionellen Accessoire. 

Der Winter neigt sich dieses Jahr nur mürrisch seinem Ende entgegen. Nass und unwirtlich ist es als ich Schönau erreiche und noch immer fallen schwere Flocken vom wolkenverhangenen Himmel. Keine Spur von Königssee und Watzmann. Robert Eberle öffnet mir die Tür. Einige der Messer, die seinen Händen und noch mehr seinem Geist entsprangen, konnte ich schon online bestaunen. Vielleicht bin ich deswegen überrascht, als kein heldenhafter Riesenhüne mit schwerem Hammer in der Pranke und schwarz verkohltem Gesicht vor mir steht. Robert ist, wenn überhaupt, nur wenig größer als ich. Aus seinem freundlichen Gesicht leuchten sympathische, wache Augen und hinter ihm begrüßt mich auch seine Frau, seine Tochter, ein Hund und ein Kater. Erst dann soll mir Roberts Händedruck doch noch verraten, dass ich mich nicht in der Tür geirrt habe. 

Während ich meine klammen Finger an der Kaffeetasse wärme, erzählt mir Robert seine Geschichte. Sein Handwerk erlernte er weder in einer klassischen Ausbildung, noch wurde Erfahrung und Wissen über Generationen an ihn weitergegeben. Seit dem Ende seines Soziologie- und Psychologiestudiums hilft er hauptberuflich Jugendlichen in der klaren Bergluft Berchtesgadens die Pfunde kullern zu lassen. Als Ausgleich dazu richtete er sich vor einigen Jahren eine Werkstatt hinter dem Haus ein. Ein Rückzugsort. Seine Man Cave. 

Roberts Messer, die während dieses Gespräches durch meine Hände wandern, haben alle einen ganz besonderen Look. Weit entfernt sind sie von den klassischen Trachtenmessern. Die Klingen sind matt, breit und ihr Rücken fällt erst spät zum vorderen Ende der Schneide ab. Sheepfoot nennt sich diese Form. Vom Rücken der Klingen ziehen häufig rundliche Einkerbungen herab, die auf mich wie Hammerschläge wirken und dem glanzlosen Stahl die Optik eines Feuersteines geben. Die Griffe sind meistens aus Holz, selten aus Horn. Prinzipiell sei hier aber jedes Material denkbar, so Robert, der mich später noch davon überzeugen wird. Insgesamt sind seine Messer relativ klein und handlich, in der Hosentasche nicht störend und sofort als Werkzeug und nicht im Geringsten als Waffe zu erkennen. Außerdem finden oft nur drei Finger auf den Griffschalen Platz. Völlig ausreichend findet Robert, der sich bemüht, seine Messer niemals grantig und aggressiv wirken zu lassen.

Die Ausmaße seiner Werkstatt überraschen mich dann doch. Kaum Platz für uns beide bietet sie. Ich finde mich gegenüber Schraubstöcken, verschiedenen Bohr- und Schleifmaschinen und einer Werkbank wieder, über der ein behornter Rinderschädel im schummrigen Licht bedrohlich auf mich hinunterblickt. Irgendwoher krachen derbe Gitarrenriffs und aus einem staubigen Holzschrank, da ragen ein halbes Dutzend Geweihe hervor. „Heute machen wir dir eins, oder?“, fragt mich Robert mit gewohnter Gelassenheit. Nicht den Hauch einer Ahnung habe ich, als ich einfach mal zustimme. 

Wenig später aber, als die Grundform meines Messer aus einem weichgeglühten Stahl geschnitten wird, da fliegen schon die Funken. „Passt´s?“ Der Messermacher legt mir den Rohling in die Hand, der noch so warm ist, dass ich ihn kaum halten kann. Ob es passt? „Ja, ich denke schon.“ Zögernd bejahe ich und fühle mich fast schon wie bei einem Schneider, der penibel Maß nimmt, um nicht seine edelsten Stoffe zu verschwenden. Drei kräftige Hammerschläge folgen. Mit dem ersten prägt Robert sein Logo, eine Bergspitze mit darunterliegender Klinge, in den Stahl. Mit zwei weiteren Schlägen verewigt er meine Initialen. Gekonnt präzise schleift er dann noch das Rockfinnisch, also die Feuersteinoptik in den Rücken. Ein künstlerischer Akt, dem keine Grenzen gesetzt sind. Immer wieder prüft dabei Roberts geübter Blick das Ergebnis. Dann wandert der Rohling routiniert durch die Werkstatt. Einmal sprüht er Funken, ein andermal lässt er Späne fallen. In einer Gas-Esse wird er auf über 800C° erhitzt, in lauwarmen Öl abgekühlt. Darauf folgt ein kurzer Ergebnistest mit einer Feile, wobei der entstehende Klang ein Lächeln auf Roberts Gesicht zaubert. Sein geschultes Ohr erkennt, dass der Arbeitsschritt geglückt ist. Und dann ist Geduld gefragt. Mehrmals wird der Stahl in einem Ofen sanft erhitzt, um anschließend im Wasserbad abgekühlt zu werden. Ein Vorgang, der mehrere Stunden in Anspruch nimmt. Das Säurebad in Eisen-III-Chlorid und eine halbe Stunde im Stonewasher geben der Klinge schließlich noch den letzten optischen Schliff.

Während dieser Wartezeiten erklärt mir der Messermacher das weitere Vorgehen. Das Nähen der Lederscheiden zum Beispiel, wofür viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung nötig ist. Die Auswahl der Griffhölzer, die Robert mithilfe einer Vakuumpumpe stabilisiert. Bei diesem Vorgang wird selbst aus den kleinsten Poren des Holzes die Luft gesogen, an deren Stelle dann ein Kunstharz aushärtet. So behandelt sind die auffällig schweren Holzklötze bestens gegen Nässe geschützt. Ich entscheide mich für ein dunkles, kräftiges Rosenholz, einen roten Liner, der später zwischen der Klinge und den Griffbacken zu sehen sein wird, und für hohle Kohlenstoffpins. Das Gesamtkonzept steht.

Mit breiten Buttermessern schmieren wir uns zur Mittagszeit einige Brote, als ich merke wie viel Leidenschaft und Perfektion Robert in seine Messer steckt. Denn als mir dieser Vorgang angenehm leicht von der Hand geht und ich das Messer wende, da blitzt mir die bekannte Bergspitze entgegen. Perfektion in Form eines Buttermessers – vermutlich hätte ich noch vor wenigen Stunden darüber gelacht. Aber neben den begehrten Lederhosenmessern, da entstehen in Roberts Werkstatt auch Küchenmesser aller Art. Vom stumpfen, runden Buttermesser, bis hin zu großen, schweren Klingen, die perfekt auf die jeweiligen Arbeitszwecke zugeschnitten sind. Übrigens: Dass wirklich alles zum Griff werden kann, das beweist ein Küchenmesser, das Robert für einen Koch entwarf. Mithilfe des Kunstharzes und der Vakuumpumpe gelang es ihm, die alte Kochschürze des Koches zu stabilisieren, die so eine neue Verwendung in der Küche fand – als Messergriff. Die Exklusivität Roberts Messer findet hier kaum Grenzen. Kein Wunder also, dass sie den Weg in die Verkaufsräume regionaler Küchenausstatter und Lederhosenmacher gefunden haben, wo die Kunstwerke für ungefähr 250 Euro immer häufiger den Besitzer wechseln.

Ausbauen will Robert sein Handwerk deswegen aber nicht. Seine Werkstatt mag er so wie sie ist. Klein. Alles ist in Reichweite. Und auch seine Arbeitsweise möchte er nicht ändern. Er lässt sich für ein Messer so viel Zeit wie er für nötig und richtig hält. Da wird wieder und wieder geschliffen und gefeilt. Die Hölzer werden ästhetisch positioniert und verklebt, so dass ihre natürlichen Maserungen mit der Position der Pins spielen. Diese Vollendung erscheint Robert nur möglich, wenn er unabhängig von jeglichen Kalkulationen ist und die Arbeit als Ausgleich für seinen Hauptberuf sieht.

Die Verklebung des Rosenholzes ist heute unser letzter Arbeitsschritt. Die Stunden sind wie im Fluge vergangen und als wir die Werkstattüre öffnen, da ist der Abendhimmel hell und klar. Der Watzmann mit seinem Nebengipfel, der sogenannten Watzmannfrau, ragt eindrucksvolle 2000 Meter über unseren Köpfen hinauf. 

Einige Tage später klingelt der Postbote und überreicht mir ein kleines Päckchen. Hastig öffne ich es und finde das Messer, das Robert ohne mich fertigstellen musste. Selbst mit Lederscheide ist es in der Hosentasche tatsächlich kaum spürbar. Aber erst als sich der Griff so weich in meine Hand schmiegt, als sei das Holz in ihr herangewachsen, da strahle ich über beide Ohren und höre Robert fragen: „Passt´s?“

Autor: Benni Sauer