Der S C H – Wert

Wer im Café Gäuwagerl einkehrt, der genießt. Sicherlich ein Stück der herausragenden, hausgemachten Torten. Vermutlich auch die letzten warmen Sonnenstrahlen auf der ruhigen Terrasse und dazu gleich noch einen deftigen Zwiebelkuchen mit einem Glas Federweißer. Ein Besuch des Kutschenmuseums wird dabei quasi obligatorisch, sind die Ausstellungsräume doch im selben Gebäude, dem Gsotthaberhof. Doch ich bin heute aus einem ganz anderen Grund hier. Außergewöhnliche Bilder sollen hier in den urigen Stuben hängen. Und in der Tat finde ich die Werke, große und kleine, mit den typischen ländlichen Motiven, einem Hof, einem Traktor, einer Kuh. Sepia-Charakter. Fast nur braun in braun, mit unendlich vielen Abstufungen. Eine Kunstausstellung der besonderen Art. Dass ich hier im Süden des Tegernsees tatsächlich im richtigen Café bin, davon überzeugt mich schließlich ein kleines Schildchen. Künstler: Werner Härtl.

Landleben in Mist
Es lohnt sich, auf dem Schild auch nach den verwendeten Malmitteln zu suchen. Denn hier im Café, wo gegessen, gelacht und getrunken wird, hängt nichts anderes als Kuhmist an der Wand. Wobei, hin und wieder, da sticht doch noch etwas anderes aus den Bildern hervor. Ein Leuchten. Glanzvoll und rein. Auf dem Schildchen nebenan finde ich dann auch einen passenden Hinweis. Einen, den ich mir zwar schon zusammengesponnen hatte, aber nicht wagte zu Ende zudenken. Kuhmist / Blattgold. Kurz erwische ich mich dabei, wie ich meine Nase einem der Bilder entgegenstrecke. Der Herr am Tisch nebenan tut derweil lieber so, als hätte er mich nicht gesehen. Ob er wohl weiß, dass er vor einem Bild aus Kuhscheiße sitzt? 

Auf jeden Fall riecht es nicht im Geringsten. Überhaupt erscheinen mir die Bilder sehr natürlich, ist ja irgendwie klar, viel natürlicher könnten sie überhaupt nicht sein. Geradezu harmonisch fügen sie sich in die hölzernen Speisezimmer des Cafés. Die Motive treffen schließlich den Nagel auf den Kopf. Einklang! Wäre da nicht das Gold. Das Gold, dass nur so plätschert, sprudelnd und glucksend aus einer Kuh mit erhobenem Schwanz auf die Leinwand, wo ein bärtiger Mann versucht, es Tropfen für Tropfen mit Eimern aufzufangen. Das Gold, das auf den ersten Blick all die Harmonie zunichtemacht. Doch macht es das wirklich? Härtl nennt dieses Bild „Hartes Brot“. 

Ja scheiß die Wand an!
Ein wenig lasse ich mich noch von den Kunstwerken berieseln. Mich erstaunt dabei schon bald gar nicht mehr der Gedanke an das Medium selbst, auch nicht der Kontrast zum Blattgold. Vielmehr faszinieren mich die vielen Details. Weit entfernte Bäume, Grashalme, Licht und Schatten und sogar die Mimik, die Ausdrucksstärke der Kühe, die manchmal fast sogar durch mich hindurchschauen. Das alles aus ein und demselben Grundstoff, der ja eher, sagen wir einmal, von gröberer Natur ist. Erstaunlich!

Schließlich mache ich mich auf die Suche nach dem Künstler. Zu viele Fragen habe ich in den letzten Minuten gesammelt und dabei eine starke Neugier entwickelt. Wer malt denn bitteschön mit Kuhmist? Meine Suche führt mich einige Autominuten nach Norden, am Tegernsee vorbei, ins Grüne, wo Wälder, Wiesen und kleine Dörfer das Landschaftsbild prägen. Dieser eine Hof dort, oder hier, wie die Kuh vor dem sanften Bergpanorama in der Wiese döst – wo ich auch hinsehe, Härtls Motive sind überall. Hier muss ich richtig sein.

Den Künstler finde ich schließlich vor einem uralten Holzhaus sitzend, mit einem Pinsel in der Hand, einigen Eimerchen und Schälchen vor sich. Hochkonzentriert und ruhig lässt er gerade aus Kuhmist ein neues Kunstwerk entstehen.

Aquarell – nur anders
Der alte Hof hinter Werners Rücken ist 500 Jahre alt. Oder waren es 600? So genau weiß das niemand mehr. Wichtig ist Härtl aber, dass er erhalten bleibt und so öffnet er hin und wieder mal die Fenster, lüftet durch, schaut nach dem Rechten, auch wenn das Gebäude nicht mehr bewohnbar ist. Er selbst wohnt eine Ecke weiter, in einem Hof, der nur 450 Jahre auf dem Buckel hat. Nur… Wie ich mich mit Werner unterhalte, merke ich schnell, wie er tickt, welche konsequente Schiene er fährt. Mit dem Pinselstiel deutet er vor sich, ohne den Blick von seinem aktuellen Projekt, einer Auftragsarbeit, abzuwenden. Den Gemüsegarten habe er erst während der Coronakrise angelegt, davor sei hier gar nichts gewesen. Jetzt sind die Zucchini erntereif, die Tomaten färben sich langsam rot und überall blühen bunte Farbtupfer. Seine Hühner, zwei Dutzend an der Zahl, muss er penibel von diesem Schlaraffenland fernhalten. 

Etwas meditatives hat die Malerei für Werner, der eigentlich Illustrator ist. Während er hauptberuflich meistens digital arbeitet, suchte er sich vor zwölf Jahren einen Ausgleich und wurde Betriebshelfer in der Landwirtschaft. Eben etwas „das ihm taugt!“ Dort stellte er beim Reinigen der Stallungen überraschend fest, dass der Kuhdung durchaus interessante Eigenschaften aufweist. Dass man sogar mit einem Hochdruckreiniger darin zeichnen konnte! Und was im Negativen funktioniert, das müsste doch eigentlich auch im Positiven möglich sein. Und so fügt Werner heute Schicht für Schicht, mal mit mehr, mal mit weniger Wasser verdünnt, den Mist auf den Aquarellkarton. Nur durch die Verwässerung des Mediums ermöglicht er die unterschiedlichsten Schattierungen. Die im Mist enthaltenen Strukturen lassen dabei oft kleine Details wie von selbst entstehen. Ein Grashalm, vielleicht sogar ein Grashüpfer? Bei diesem Eimer, so lacht Werner, kennt er die Spenderin sogar mit Namen. Wieder füllt er den Pinsel mit Dung und schwelgt mit mir vom Landleben. Seinem Leben.

Vom Sch-Wort zum Sch-Wert
Humorvoll muss man wohl sein. Und eine klare Sicht auf die Dinge haben, so denke ich mir. Das ganze Dorf kennt ihn. Selbst die Kinder auf dem Schulweg winken über den Zaun und schauen gerne noch eine Minute zu. „Scheißemaler haben sie mich getauft!“, und das nimmt Werner durchaus gerne als Titel entgegen. Dabei schneidet er mit seinen Bildern ein durchaus ernstes Thema an: Die natur- und landwirtschaftliche Lebensmittelerzeugung. Back to the roots! Weg vom Fast-Food, hin zu ehrlicher Handarbeit und neugewonnenen Werten. Dahin sollte der Weg gehen! 

Aus einem alten Hof hat Werner einen Wohnraum für sich, seine Frau und seine drei Kinder entstehen lassen. Vom einst verkommenen Vorgarten des Nachbargrundstücks bringt er heute Gemüse und frische Eier mit nach Hause. Und wenn man sogar aus Kuhmist Kunst werden lassen kann, dann ist alles möglich! Seine Arbeit ist eine Hommage an die Lebensqualität. Geldgierige Wirtschaftsriesen? Karriereleiter und ein edler Neuwagen vor der Haustür? All das sind Dinge, die Werner aus seinem Leben gestrichen hat. Selbst die Möbel in seinem Hof hat er selbst gebaut, seine Währung sei die Zeit, so sagt er, als er mich durchführt. Alles was ich hier sehe hat nur eines gekostet: Zeit!

Jetzt wo ich Werner kennengelernt habe, wundert es mich nicht einmal mehr, dass der sympathische Teilzeit-Landwirt mit Kuhmist malt. Auch das Blattgold hat seinen Sinn bekommen. Härtl zeigt doch bloß, dass wir einmalmehr die falschen Dinge wertschätzen. Zeit mit der Familie. Im Einklang mit der Natur leben. Frieden und Ruhe. Gesundheit und gutes Essen. Das sind Werte, die es wert sind zu schätzen. Als ich Werner die Hand schüttle, mich bei ihm bedanke, habe ich verstanden und beschließe, mir eine großzügige Scheibe dieser Lebenseinstellung abzuschneiden.
Text: Benni Sauer

http://www.kuhmistkunst.de