Der Bernina Express

Titelbild: © Rhätische Bahn

Die höchste Bahnlinie der Alpen

Wenn man auf eine Landkarte schaut, dann liegen zwischen Chur und Tirano eigentlich nur knapp einhundert Kilometer. Eigentlich! Denn in Wahrheit trifft man dort auf 55 Tunnels, 196 Brücken und Steigungen von bis zu 70 Promille. Man fährt durch die drei Sprachregionen Graubündens. Über einzigartige Natur- und Kulturlandschaften. Und vorbei an gletscherbehangenen Felsriesen, so beeindruckend gigantisch, als seien sie einem Märchenfilm entsprungen.

© Christoph Benz

Seit 1973 fährt der Bernina Express nun schon als eigenständiger Zug einmal quer durch Graubünden. 2008 wurden die Streckenabschnitte Albulabahn und Berninabahn sogar als UNESCO-Welterbe ausgezeichnet. Das gelang bisher nur drei Bahnstrecken – weltweit. Zu Recht: Die Passagen zwischen Thusis und Tirano sind bezüglich Bautechnik und Linienführung eine wahre Meisterleistung! Der Bernina Express zählt auch deswegen, neben dem Glacier Express, zu den touristischen Höhepunkten der Rhätischen Bahn. 

Die Fahrt im Bernina Express beginnt in Chur, der Hauptstadt der ostschweizerischen Kantons Graubünden. Etwas mehr als 30.000 Menschen leben in dem beschaulichen Städtchen, das auf einer Höhe von lediglich 593 Metern liegt. Hier beginnt der Bernina Express gemächlich seine Reise, fährt ruhig den Rhein entlang und gewinnt so anfangs nur zögerlich an Höhe. Das ändert sich, wenn bei Bonaduz der Abzweig ins Hinterrheintal nach Süden führt und Thusis angesteuert wird. 

© Andrea Badrutt

Noch ist die Bergkulisse zahm. Bewaldete Hügel, verschneite Täler im Winter und schön blühende Frühlingswiesen im Frühling bestimmten das Bild. Zeit, sich an den Zug zu gewöhnen. Denn der Bernina Express ist auch in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes: Erfrischende Getränke? Feine, regionale Snacks und eine rollende Minibar? Ganz selbstverständlich! Darfs ein Schluck Röteli im bequemen gepolsterten Sitz sein? Gemäß einer Legende, wurde früher das Pfeifsignal der Lokomotive als Bestellsignal für den Likör, das Feierabendgetränk auf der Alp Grüm verwendet. Pro Pfiff bereitete der Wirt ein Röteli für die fleißigen Mitarbeiter der Rhätischen Bahn vor. Heute nimmt das Bordpersonal die Bestellung auf – der Lokführer übernimmt den Rest!

Von Thusis aus klettern dann die elegant geführten Bahngleise durch Kehrtunnels und über Viadukte das Albulatal hoch in Richtung St. Moritz. Echte Pionierarbeit war das Anlegen dieser Strecke. Noch heute gehört die Schmalspurbahn zu einer der beeindruckendsten der Welt! Bereits 1898 begann der Bau mit der Terrassierung. Damals wurde die Linie noch für Dampflokomotiven und einzig für den Güterverkehr ausgebaut. Allerdings waren selbst die dampfenden Ungetüme damals noch nicht sonderlich leistungsstark, weshalb der Kurvenradius möglichst groß gehalten wurde. Um möglichst hohe Geschwindigkeiten erreichen zu können, wurde die maximale Steigung außerdem in diesem Bereich auf 35 Promille begrenzt.

© Christoph Benz

Die enge Albulaschlucht ließ derart flache Steigungen aber nicht immer zu. Drum beschloss ein spitzfindiger Bauherr, sein Name war Friedrich Hennings, zahlreiche, kunstvoll verschlungene Bauwerke zu errichten. So gelang es ihm letztendlich zwischen Bergün und Preda, wo auf fünf Kilometer Luftlinie über 400 Meter Höhendifferenz zu überwinden waren, die Gleise in der vorgeschriebenen Steigung zu verlegen. Heute sind diese Wende- und Spiraltunnel, sowie mehrere Brücken, geschichtenerzählende Monumente. Schwer vorstellbar, wie damals, unter ständiger Gefahr von Lawinen und Steinschlag, derartige Bauwerke überhaupt erstellt werden konnten.

Vor allem ist das schwer vorstellbar, weil der Bernina Express heute eine wahre Luxusreise für Genießer darstellt. Dampfender Güterverkehr? Fehlanzeige! Heute rollen moderne Freizeitwagons mit Panoramafenstern über die Gleise. Sie überbrücken dabei mehr als 1000 Höhenmeter, schlängeln sich geschickt durch die Täler, durch Tunnels, über Viadukte und Pässe. Sie fügen sich wunderbar in die Natur ein. Bis nach St. Moritz.

© Rhätische Bahn

Doch zuvor lohnt noch ein kleiner Abstecher! Wunderbares Wandergelände empfängt hier die Fahrgäste: Der Parc Ela, der schweizweit größte Naturpark rund um die Alpenpässe Albula, Julier und Septimer. Moore, Trockenwiesen und Bergseen warten darauf, entdeckt zu werden. Ein willkommener Kontrast: Jetzt darf man auch mal selbstständig die Natur erkunden! Kleines Schmankerl: Die Schweizer wählten 2007 den Palpuognasee zum «schönsten Flecken der Schweiz». Von Preda ist das Naturjuwel in einer knappen Stunde erwandert, lädt zum Dösen, Plantschen und Grillen ein, selbst wenn keine besonders warmen Temperaturen erwartet werden dürfen: Hier befindet man sich schon fast auf einer Höhe von beachtlichen 2000 Metern!

Nicht weniger spektakulär ist der weitere Streckenabschnitt. Die Berninalinie zwischen St. Moritz, Valposchiavo und Tirano verbindet den Norden und den Süden Europas. 2253 Meter über dem Meeresspiegel befindet man sich beim Ospizio Bernina. Der Höhepunkt des Bernina Express. Direkt unter den Gletscherhängen des Piz Palü, am Ufer des Lago Bianco entlang, führen die Gleise durch eine traumhaft schöne, hochalpine Bergwelt. Zuvor kam schon der mächtige Morteratschgletscher ins Bild und wer aufgepasst hat, der erspäht sogar von hier den Biancograt, die Himmelsleiter. Die wohl schönste Firnschneide der Alpen, die makellos auf den Namensgeber dieses Zuges führt: Den Piz Bernina! Beeindruckende 4049 Meter hoch.

© Rhätische Bahn

Der Railroad-Trip ist hier aber noch nicht zu Ende: Im Zick-Zack-Kurs geht es talwärts in Richtung Valposchiavo. Hier warten charmante Dörfer darauf erkundet zu werden. Noch eine Ehrenrunde auf den berühmten Kreisviadukt bei Brusio. Und schon ist man in Tirano, wo südländisches Flair und Palmen verdeutlichen: Die Alpen liegen dann hinter einem. Willkommen in Italien!

Text: Benni Sauer