Bayerisches Original

Titelbild: © Tourist-Information Farchant | Andreas Müller

Die deutsche Alpenstraße verbindet was zusammengehört: Uralte Kultur, gelebter Brauchtum, heilsame Natur, althergebrachtes Handwerk, wunderschöne Täler und eindrucksvolle Gipfel. Entlang der fast 500 Kilometer langen Route, reihen sich die unterschiedlichsten Sehenswürdigkeiten aneinander. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Allesamt sind sie bayerische Originale!

Handwerkskunst entlang der Alpenstraße
Das schöne Oberammergau durchfährt man von Westen aus kommend auf der vierten Etappe der Alpenstraße. Das Dorf ist besonders wegen seiner Passionsspiele weltberühmt, doch wer genau hinsieht, findet überall in den Ammergauer Alpen tolle Kunstwerke. Seit dem 16. Jahrhundert beispielsweise ist das Schnitzen religiöser Motive hier eine Tradition – vermutlich wegen der Nähe zum Kloster Ettal. Eine Tradition, die auch heute noch mit viel Liebe und Herz am Leben gehalten wird. Im 18. Jahrhundert war der Handel mit den schmuckvollen Schnitzereien an seinem Höhepunkt angelangt. In ganz Europa gab es da schon Niederlassungen. Kraxenträger gingen von Haustür zu Haustür und brachten die Ware an den Mann. Heute läuft der Handel etwas gediegener ab. Touristen haben dafür aber die Möglichkeit im „Pilatushaus“, der lebenden Werkstatt in Oberammergau, den Handwerkern über die Schulter zu schauen. Und natürlich darf dann auch eines der Kunstwerke erworben werden.

© Zugspitz Region | Wolfgang Ehn

Füssen, im Osten des Allgäus. Die wunderschön gelegene Stadt erreich man schon eine Etappe vor Oberammergau. Direkt am Lechufer liegt hier das einstige Benediktinerkloster St. Mang mit dem Stadtmuseum. Die Stadt gilt als Wiege des Geigen- und Lautenbaus nördlich der Alpen. Grund dafür ist die Nähe zum benötigten Rohstoff: Tonhölzer werden nämlich ausschließlich aus Waldbäumen gewonnen – und von denen gibt es um Füssen jede Menge. Auch die günstige Lage auf der ehemaligen Römerstraße Via Claudia Augusta spielte hier sicherlich eine Rolle. Mit dem Tod von Geigenmacher Joseph Alois Stoß 1866, erlosch allerdings die Jahrhunderte alte Tradition. Glücklicherweise aber nur für etwas mehr als einhundert Jahre. Seit 1982 werden in Füssen nun wieder Geigen gebaut und Meister ausgebildet.

Das Naturprodukt Holz ist im Alpenraum natürlich in aller Hände, besonders im Kunsthandwerk. Erwähnenswert sind aber auch die Malereien entlang der Route der bayerischen Originale! Kunstvoll verzierte Hauswände prägen die Straßenränder, ganz besonders wieder im Oberammergau, aber auch die von Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz. Oft erzählen die Gemälde dabei von christlichen Geschichten, aber auch von den Bewohnern, der Region und dem Brauchtum. Während eines Spazierganges durch die historischen Stadtzentren, lassen sich die eindrucksvollen Meisterwerke auf den Fassaden oft wie Bilderbücher lesen.

© Tölzer Land Tourismus | Harald Kübler

Klöster, Burgen, Schlösser 
Unzählige Kirchen zieren die Region um die Alpenstraße. Einige von ihnen sind eher unscheinbar, aber steinalt. Andere sind monumentale Bauwerke von eindrucksvoller Schönheit. Die Wieskirche bei Steingaden zum Beispiel gehört zu Letzteren. Baubeginn war 1745, zu Ehren einer Statue, in dessen Augen einige Tropfen für Tränen gehalten wurden. Die Statue stellte den gegeißelten Heiland dar, weshalb die Kirche eigentlich Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies heißt.  1983 wurde die prächtig ausgeschmückte Wieskirche zum Weltkulturerbe erklärt und von 1985 bis 1991 für 10 Millionen Mark restauriert.

Ähnlich schöne Stuckarbeiten finden Kirchenfreunde in der Klosterkirche St. Benedikt in Benediktbeuern. Auch das ist Barock in seiner höchsten Vollendung. Das Klosterdorf Benediktbeuern gilt sogar als geistiger und kultureller Mittelpunkt des Tölzer Landes. Über Bichl und Bad Heilbrunn, das sich übrigens ganz dem Thema Kräuter verschrieben hat, gelangt man schließlich weiter nach Osten, nach Bad Tölz – dem Mittelpunkt dieser Etappe.

Noch weiter im Westen dagegen liegt Ettal in den Ammergauer Alpen. Das gleichnamige Kloster ist eine der ganz großen Destinationen. Weltberühmt ist der pompöse Bau inmitten der archaisch wilden Bergwelt. Die Benediktinerabtei zu den heiligsten Herzen Jesu und Mariä ist aber auch wegen seiner zahlreichen Betriebe bekannt: Brauerei, Destillerie und Schaukäserei – hier herrscht ein reges Treiben!

© Ammergauer Alpen GmbH | Stephan de Paly

Bei Füssen aber thront das größte Highlight. Das Schloss Neuschwanstein ist der mit Abstand stärkste Publikumsmagnet entlang der Alpenstraße und häufig sind die Parkplätze unterhalb des Märchenschlosses prall gefüllt. Eine Führung lohnt sich, nicht nur bei Regenwetter, sollte aber früh genug reserviert werden. Wer spontan hier ist, genießt einfach das Prachtbauwerk von außen. Denn ein prächtiges Fotomotiv ist es allemal!

Spannende Info am Rande: Neuschwanstein ist nicht nur der Name des Schlosses, sondern auch der eines Meteoriten. Am 6. April 2002 um 22:20:18 trat dieser in die Atmosphäre ein, raste auf Neuschwanstein zu und explodierte in einer Höhe von 22 Kilometern. Drei seiner Fragmente, mit der imposanten Gesamtmasse von sechs Kilogramm, konnten bisher geborgen werden. Im schwäbischen Nördlingen kann eines dieser Bruchstücke im Riesenkrater-Museum bestaunt werden.

Natur pur! Kultur pur!
Klingt vielleicht selbstverständlich, ist aber bei genauerer Betrachtung ein echtes Highlight! Wer Bayern entlang der Alpenstraße durchquert, findet fortlaufend neue Aus- und Einblicke in die Natur der Nordalpen. Manchmal ändern sich selbst im Minutentakt Form und Farbe der Berge. Gestalt und Charakter der Region. Licht und Wetter. 

Im Allgäu spiegeln sich die Hochalpen in den Wassern des Forggen, Hopfen-, oder Bannwaldsees. Im Naturpark Ammergauer Alpen lohnt sich eine Wanderung durch die lieblichen Moorflächen, wo kleine, bunte Blütentupfer am Wegesrand leuchten. Bei Garmisch-Partenkirchen lassen sich die höchsten Gipfel des Landes erleben, Seilbahnen bringen Touristen schnell und unkompliziert zu den schönsten Aussichtspunkten. Natur-Höhepunkt ist aber sicherlich der Nationalpark Berchtesgaden. Der einzige Alpen-Nationalpark des Landes stellt ein Paradies für Flora und Fauna dar. Mit etwas Glück lässt sich sogar ein Steinadler in der klaren Bergluft erblicken. 

© Tölzer Land Tourismus | Peter von Felbert

Wo der Mensch seit langer Zeit so siedelt, spielt aber nicht nur die Verbundenheit zur Natur eine große Rolle. Auch kulturell wurzelt hier ein starker Brauchtum. Im Hintergrund erzählt dieser oft spannende Geschichten – allen voran wieder in Oberammergau, wo im letzten Jahr eines Jahrzehntes das ganze Dorf auf den Beinen ist, um die letzten fünf Tage im Leben Jesu nachzustellen: Die Oberammergauer Passionsspiele. Als 1633 die Pest 80 Einwohner Oberammergaus hinraffte, gelobten die Überlebenden feierlich, regelmäßig ein Passionsspiel aufzuführen, wenn sie dafür doch nur von der Pest befreit würden. 

Für die Passionsspiele 2022 gibt es noch Tickets. Diese sind in sechs Kategorien eingeteilt und kosten zwischen 30 und 180 Euro. Premiere ist übrigens am 14. Mai. Nur wer 20 Jahre im Dorf wohnt oder dort geboren ist, darf auf die Bühne. Für die Darsteller gilt schon mehr als ein Jahr vor der Aufführung ein Haar- und Barterlass, denn auf Perücken wird seit jeher verzichtet. Ein Problem, beispielsweise für Angehörige der Bundeswehr und Polizei, wo gewisse Vorschriften für die Haartracht gelten. Da aber die Teilnahme am Passionsspiel eine große Ehre darstellt, kann bei der entsprechenden Dienststelle eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden. Das alles lässt die Passionsspiele zur wahrlich legendären Veranstaltung werden. Das alles, lässt die Deutsche Alpenstraße zu dem werden, was sie ist: Die Route der Bayrischen Originale!

Text: Benni Sauer