In den Berg gebaut

„Was sich in der Beziehung Mensch-Berg verändert, ist die Einstellung zum Gebirge.“
Reinhold Messner

Alpine Bauplätze – schwer zugänglich und oft extremen Bedingungen ausgesetzt. Heftige Stürme, extreme Temperaturunterschiede und oft monatelange Frostphasen. Wer auch immer dort baut, stand schon immer vielen Problemen gegenüber. Eines dieser Probleme aber, das jüngste von ihnen, ist menschengemacht. Die zunehmende Verbauung der Gipfel nämlich, der sich der Trend gegenüberstellt, nicht mehr nur auf, sondern vor allem auch mit dem Berg zu bauen. 

Weniger ist mehr
Mit dem Berg zu bauen, das bedeutet seine natürliche Form bestmöglich auszunutzen. Das Erscheinungsbild der Bauwerke soll dabei mit dem der natürlichen Umwelt verschmelzen. Spätestens, seit große Bauvorhaben in sensiblen alpinen Regionen unter besonderer Beobachtung der Bevölkerung stehen, werden Liftstationen, Berghütten und andere Gebäude harmonisch in die Natur integriert. Und manche werden dabei sogar beinahe unsichtbar. 

In Sulden beispielsweise, da hängen klobige Bauwerke längst vergangener Zeiten wie Schwalbennester an den Berghängen. Schutzhütten, exponiert auf den Felsgraten errichtet. Aufwändig mussten die gesamten Baustoffe auf den Rücken der Arbeiter bergaufgetragen werden. Teils sogar über die 3000-Meter-Marke hinaus. Damals wie heute finden in diesen Gebäuden Alpinisten Unterschlupf. Die robuste Bauweise der teils weit über einhundert Jahre alten Gebäude hat sich zwar bewährt, doch wäre sie heute nicht mehr denkbar. Im alpinen Raum setzt sich mehr und mehr eine gewisse Sensibilität durch.

Ewiges Eis
Auch im Tal selbst, in Sulden hat sich in den letzten fünfzig Jahren vieles verändert. Modernste Liftanlagen und Skipisten bestimmen heute das Bild, wo früher noch Landwirtschaft betrieben wurde. Überall glänzen Stahlseile in der Sonne. Einer dieser Neubauten aber ist nicht zu sehen, so unscheinbar versteckt er sich am, oder besser unter dem Ortstrand Suldens. Über dicke Steinplatten, zwischen denen im Sommer das Gras hindurchblitzt und vorbei an einer uralten Scheune, führt der Weg bis zu einer Natursteinmauer. Ihre eingelassene Tür markiert den Eingang zum Messner Mountain Museum Ortles. Jetzt im Winter ist von all dem kaum etwas zusehen. Zwischen den Schneemassen, die sich am Wegesrand häufen, ist die Tür kaum auszumachen.

So lange ist es noch gar nicht her, da reichten die Ausläufer der Ortler-Gletscher bis in die Tallagen herunter und bedeckten alles mit ihrem vermeintlich ewigen Eis. Heute hängen die Eisfelder eintausend Meter über den Köpfen der Museumsbesucher. In den schrecklich steilen Flanken, die vor 200 Jahren noch als unersteigbar galten. Der Name des Gletschers, der damals bis zum Museum und darüber hinaus floss, zeigt dabei heute noch eindrücklich, wie die Menschen früher den Bergen entgegentraten. Er heißt „Im End der Welt“.

Unter Tage
Einmal durch die Eingangstür des MMM Ortles getreten, eröffnet sich eine mir unbekannte Welt. Etwas schummriges Licht, kahle Sichtbetonwände und eine kühle, etwas unbehagliche Stimmung. Der frühere Extrembergsteiger Reinhold Messner schuf, gemeinsam mit dem Südtiroler Architekten Arnold Gapp, eine Gletscherwelt, in der er vom Schrecken des Eises und der Finsternis, von Schneemenschen und Schneelöwen erzählt. Und schon vom Eingangsbereich aus ist eins der architektonischen Highlights zu sehen. Die gefaltete Wand. Über dieser schimmert, durch ein dem Zick-Zack der Wand folgenden Dachfenster, bläuliches Licht ins Dunkel. Die Wand folgt diesem Riss in der Decke, nach vorne und nach hinten, geknickt und gestaucht, wie Papier von der schieren Urkraft unserer Natur. Unweigerlich entsteht der Eindruck, man befände sich in den Tiefen einer Gletscherspalte. Die vergrößerte Oberfläche dieser Gletscherwand bietet zudem Platz für die unterschiedlichsten Kunstwerke. Beim Anblick der Exponate steigere ich mich mehr und mehr in das Wunderschöne und zugleich Fürchterliche. Gemälde, von Gletschern, Bergspitzen und Eisfeldern, erschaffen von den großen Künstlern heutiger und vergangener Tage. Der echte Ortler übrigens ist auch einmal zu sehen. Durch ein eigens angebrachtes Fenster, so ist der König eingerahmt und auch Bestandteil der Ausstellung. 

Die Gemälde waren übrigens der Grund für Messner, erstmals in der Reihe der Messner Mountain Museen, einen Neubau in Erwägung zu ziehen. Das war so eigentlich nie gewollt. Doch in den alten, restaurierten Schlössern und Burgen, in denen Messner bisher ausstellte, waren die empfindlichen Kunstwerke ständigen Luftfeuchtigkeitsschwankungen ausgesetzt. Um die Gemälde zu schützen, der Öffentlichkeit aber trotzdem Zugänglichkeit zu ermöglichen, wurde das MMM Ortles gebaut. Ein effektvolles Bauwerk. Modern, unglaublich expressiv und von erstaunlicher Substanz. Mit stabiler Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Und trotzdem beinahe unsichtbar!

Strandgut 
100 Kilometer weiter östlich, auf dem 2275 Meter hohen Kronplatz bei Bruneck. Ein Raumschiff, so scheint es, vom Himmel gefallen und hier oben am Berg eingeschlagen: Das jüngste der Messner Mountain Museen, das MMM Corornes. Nur einige Ausläufer dieses Kunstbaus ragen ins Freie, währen der Großteil wieder einmal im Berg verschwindet, ganz einfach unsichtbar wird. Ein futuristischer Bau. Die große, geschwungene Paneele, die Außenhaut des Raumschiffes, geben ihm eine fast schon bionische, lebendige Optik. Wie Schuppen reihen sie sich aneinander. Erst Beton in Kombination mit Glasfasermatten ließ die 370 Formen, von denen keine der anderen gleicht, real werden. Vor 2015 war all das noch Phantasie. Und zwar die von Zaha Hadid, der renommierten irakischen Architekturprofessorin und Designerin. Hadids Objekte tragen häufig ihre ganz eigene Handschrift, denn oft haftet ihnen eine gewisse Dynamik an. Als fließend und kinetisch werden sie beschrieben. Und auch wenn das Wenige, das vom MMM Corones von außen sichtbar ist, es nicht vermuten lässt: Das Bauwerk strömt geradezu durch den Fels. 

Im Sog
Durch die mächtige Eingangspforte schlingt einen Hadid fast schon den Berg hinunter, obwohl man sich anfangs noch im obersten Teil des Museums befindet. Ein erster Blick durch das UFO wird aber hier schon ermöglicht. Hinab, in die schlauchartigen Ausläufer, wo geschwungene, in die Decke eingelassene Beleuchtungsschächte mein Auge lenken. Hinaus durch riesige Panoramafenster, die den Blick auf die kolossale Schönheit der Dolomiten ermöglichen. Jetzt ändert sich meine Sichtweise. Dieses Spaceshuttle ist menschengemacht und mit seiner klaren Schlichtheit fühlt es sich in der alpinen Welt nicht einmal sonderlich fremd an. 

Es ist ein Raumerlebnis, ganz ohne Ecken und Kanten. Und wo ich auch hingehe, hinblicke, ist es die Klarheit, die überzeugt, die völlig ausreichend erzählt was sie soll. Immer tiefer werden Besucher in den Berg geschluckt, dürfen dabei der Geschichte des klassischen Alpinismus lauschen. Von der Strebsamkeit der Menschen. Wo früher geklettert wurde, so kommt mir der Gedanke, wo die Grenzen des Möglichen verschoben wurden, da wird heute gebaut.

Von ganz im Inneren des Berges hallt die Tiefe Messners Stimme zu mir herauf. Aus einem Kinosaal, in dem ich Geschichten von den Wänden um mich herum höre. Keine Wände aus Beton und Stahl. Sondern aus Stein, viele hundert Meter hoch. 

Die Betonwände aber, die mich mittlerweile zur Gänze verschluckt haben, kosteten über drei Millionen Euro. Getragen wurden die Kosten von Skirama, dem Skigebietsbetreiber am Kronplatz. Von dort kam auch der Grundgedanke für ein Museum, denn anders als beim MMM Ortles, sagte Messner als Museumskurator am Kronplatz erst während der Planungsphase zu. Dass das Museum großteils unterirdisch angelegt ist, ist aber dennoch Messners Wunsch zu verdanken. Er wollte den Berg nur so geringfügig wie möglich verändern. Und auch wenn für den Bau fast 4000 Kubikmeter Fels bewegt werden mussten, so schmiegt sich das abstrakte Raumschiff heute schweigsam an und in den Berg.

Höhlenleben
Reinhold Messners Strebsamkeit ist bemerkenswert. Immer wieder findet und erfindet er sich neu. Zum Beispiel, als er vom Felsklettern zum extremen Höhenbergsteigen wechselte. Als erster Mensch der Welt bestieg er alle 8000er ohne künstlichen Sauerstoff, suchte sich danach aber schon bald andere Herausforderungen. Er durchquerte daraufhin die größten Wüsten der Welt, ganz egal ob Sand oder Eis. Später ging der einstige Mathematiklehrer für die Grünen ins Europaparlament und irgendwann wurde die schon lange bestehende Sammelleidenschaft in Form der Museen ausgebaut. Er betreibt Landwirtschaft und in seinem neuesten Leben, da produziert er Filme, natürlich immer mit Bezug zu den Bergen. Doch das Faible für außergewöhnliche Bauprojekte, das ließ ihn nie ganz los. 

Bauen – ohne zu bauen
Eine dieser Ideen konnte Messner erst nach 40 Jahren in der Nähe von Bozen umsetzen. Die Idee so simpel wie wahnsinnig. Ein Wohnhaus, nicht erbaut, sondern aus gewachsenem Fels gestemmt. Ein ausgehöhlter Berg, ja, eine Höhle. 

Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Doch gewisse Grenzen wollten doch schon immer von der Menschheit verschoben werden. Fortschritt, der einstweilen fast schon skurrile Formen annimmt. Reinhold Messner sah auf seinen vielen Reisen und Expeditionen die unterschiedlichsten Höhlenwohnungen, wie beispielsweise in Marokko. Werner Tscholl, Architekt aus Südtirol, nahm sich schließlich der Idee, einen Lebensraum nach dem ältesten Wohngedanken der Menschheit zu schaffen, an. Einmal mehr bewies er bei der Erstellung der Pläne sein ungeheures Vorstellungsvermögen. Der Architekt musste außerdem während der Bauarbeiten immer wieder neu auf den Fels eingehen, denn es ließ sich nur erahnen auf welche Substanz er beim Aushub treffen würde. Bisweilen dachte niemand, nicht einmal Tscholl selbst, dass das Bauwerk genehmigt werden würde. Doch genau so kam es. Die Bauweise erfüllt zudem heutige Kriterien bemerkenswert gut. Es ist außerordentlich gut gedämmt und somit sehr energieeffizient. 

Die Theorie, den Wohnraum mitsamt den Fenstern einfach nur aus dem Felsen zu meißeln, scheiterte jedoch an der Praxis. Letztendlich wurde die Grundfläche aus dem Berg gesägt. Ein Betondach, das oberflächlich in die natürlichen Struktur des Berges überfließt, überdeckt nun das Höhlenhaus. Eine genaustens durchdachte Anordnung riesiger Fensterfronten ermöglicht nicht nur nie dagewesene Ausblicke. Auch ein Maximum an Sonnenstrahlen soll so in jeder Jahreszeit ins Innere des Berges gelenkt werden. 

Magdalena Messer, Tochter und Geschäftsführerin der Messner Mountain Museen, wohnt heute im Steinhaus. Eigentümer ist Simon Messner, der, wenn er nicht gerade auf weltweiten Kletterexpeditionen ans Limit geht, mit seinem Vater an Dreharbeiten arbeitet. „Einen Wohnraum mitten im Fels zu schaffen, ohne die Landschaft zu verbauen oder zu verstellen und dabei auch noch lichtdurchflutete Räume zu realisieren, das gibt es so kein zweites Mal“. Und auch wer denkt, ein Haus im Fels wäre kalt und abweisend: Magdalena Messer verrät, dass genau das Gegenteil der Fall sei. „Da der Beton nicht nur aus dem Aushubmaterial und damit aus dem umgebenden Fels besteht, sondern auch farblich daran angepasst worden ist, sind die alle Wände in einem warmen Ton gehalten und sorgen für eine behagliche Atmosphäre. Zudem ist die Hauptfassade, die hinter einer Felsmauer liegt und somit von außen nicht zu sehen ist aus Glas und südseitig gelegen. Sie ist also sehr sonnig und hell; im Sommer fast schon zu heiß, weil sich der Wohnraum durch die vielen Sonnenstunden schnell aufheizt; im Winter hingegen ist es ein wunderbarer Vorteil, den wir sehr genießen.“

Die verschiedenen Ausblicke des Felsenhauses machen die Wohnräume immer wieder aufs Neue spannend, denn sie variieren je nach Perspektive: Auf die natürlichen Felswände, wobei drinnen und draußen fließend ineinander übergehen und auf die Umgebung, wobei sich die Wohnräume wie eine natürliche Höhle perfekt in die Landschaft einfügen. Werner Tscholl schuf den perfekten Wohnraum, voller Harmonie, Einklang und Verbundenheit. Fast schon bescheiden wirkt es, wie sich einer der exklusivsten Wohnräume überhaupt in den Fels zurückzieht. Fast so, als würde es ihn überhaupt nicht geben.

Autor: Benni Sauer