Der Pate der Hose

Michael Thalhammer aus Sauerlach bei München hat seine Leidenschaften kombiniert und zum Beruf gemacht: Der Lederhosen-Tätowierer stellt außergewöhnlich verzierte Krachlederne her – Großstadt-Hipster und echte Bayern fahren darauf voll ab.

Dem Thalhammer Michi war es nicht in die Wiege gelegt, dass er einmal zu einem Vorzeigegesicht der Bayern Tourismus Marketing GmbH avancieren würde. Gut, es gibt vergilbte Fotos, die ihn in Lederhosen zeigen, als er noch in die Windeln machte. Als Teenager interessierte er sich dann aber mehr für Punk-Rock, eine Musikrichtung, die im ländlichen Oberbayern traditionell nicht so stark vertreten ist. Mit 18 leuchtete zudem sein erstes Tattoo auf dem Oberarm. Fürs Brauchtum verloren war der Michi dennoch nicht: Denn als Sänger und Gitarrist der Wiesn- und Party-Band „Wuidara Pistols“ spielte er neben Rock ’n’ Roll und Austro-Rock zwar auch Punk, aber er und seine Kumpels traten in Lederhosen auf. Thalhammer wurde zu einem Wanderer zwischen den Welten, zu einem Monaco Franze, der’s zwar gern boarisch-heimelig hat, der aber auch die große, weite Welt kennt: Zum Wellenreiten reist er gern an die französische Atlantikküste oder sogar bis nach Hawaii.

„Für unsere Auftritte mit den Wuidara Pistols wollte ich eine besondere, eine individuelle Lederhose“, erzählt der bayerische Beach Boy. „Ich ließ mein zweitbestes Stück deshalb mit dem Logo der Band – Totenkopf mit Gamsbart – besticken.“ Das Problem: Die Hose wurde dadurch hart wie ein Brett. „Ich sagte mir: Das muss irgendwie bequemer gehen.“ Der Schlüssel dafür war sein Großvater. Der brannte zum Spaß Sprüche in Holzbrettchen und nagelte sie im und am Haus an die Wände. „Gott schütze dieses Haus“, solche Sachen. Thalhammer erinnerte sich daran, als er nach einer Lösung für sein Problem suchte und dachte sich: Wenn sich Sprüche auf Bretter brennen lassen, dann funktioniert das vielleicht auch auf meiner Lederhose. Der Enkel besorgte sich daraufhin ein sogenanntes Brandmalgerät, wie es sein Opa einst besessen hatte. Nein, seine einzige Lederhose nahm er natürlich nicht her für die ersten Versuche. Aber was er da nach und nach in das Stück Hirschleder brannte, wurde immer gefälliger. Der Michi bastelte weiter, bis das Ergebnis seinen Ansprüchen genügte. Er ließ die Haut der Tiere von einer kleinen Firma seines Vertrauens gerben und mit ausgekochten Hölzern färben. Er erhöhte die Temperatur bis auf tausend Grad Celsius. Er experimentierte erstmals mit einer echten Lederhose.

Der Beinkleid-Tätowierer wird einsilbig, wenn man weiter nach seinem inzwischen patentierten Erfolgsrezept bohrt. „Großes Geheimnis“, sagt er dann nur, weil: „Es gibt zu viele Nachahmer.“ Er verrät nur so viel: „Wir entwerfen eine Vorlage, die wie beim Tätowieren gepaust wird.“ Dann verschränkt er wieder die Arme vor der Brust – auf dass ihm bloß nichts über die Lippen kommen könnte, das er später bereut. In den hinteren Teil seines Shops dürfen nur er selbst, seine Tätowiererin Marion und Mama Bärbel sowie Papa Michael Senior.

Die Hosen kommen auch deshalb bei der Kundschaft so gut an, weil sie vom Schnitt einer Board-Short ähneln, wie Surfer sie tragen. „Sieht einfach viel lässiger aus“, befindet der Chef. „Unsere Hosen sitzen tief auf den Hüften und nicht spießig-altbacken in der Taille. Das ist unser bayerischer Surfstyle.“ Ein zweiter Grund für den Erfolg: Qualität und Regionalität. Thalhammer verwendet nur bestes sämisch gegerbtes Leder vom heimischen Rotwild und lässt die Hosen maßkonfektionieren und hochwertig verarbeiten. Das hat seinen Preis: 1.200 Euro kostet so ein Stück pur, ohne Tattoos. Wer ein individuelles „Branding“ wünscht, muss noch mal 250 bis 350 Euro hinlegen. Die meisten Kunden bezahlen das gern, um sich ein bisschen einzigartig fühlen zu dürfen.

Erlaubt ist dabei, was gefällt. Steinbock und Edelweiß, Palmen und Zunftzeichen, Hopfendolden und Hindu-Gottheit, röhrende Hirsche und Löwenköpfe, der Lieblings-Traktor eines Bauern, der Asklepios-Stab für einen Arzt, für einen Amerikaner das Familienwappen – Hauptsache, die Hose wird so zum Unikat. Holger Hübner, der Gründer des Heavy-Metal-Festivals in Wacken, ließ sich das Logo des Open-Air-Spektakels ins linke Hosenbein brennen. „Links, weil an einer Ledernen rechts traditionell die Messertasche sitzt“, klärt der Chef auf. Inzwischen hat er Kunden aus der ganzen Republik. Seine Hosen sind Statements und werden in Berlin-Mitte genauso getragen wie auf der Reeperbahn und am Tegernsee. In München sowieso: Sauerlach, die 8.000-Einwohner-Gemeinde, ist per S-Bahn an die Landeshauptstadt angebunden und damit für die Hipster aus Schwabing und Glockenbachviertel bequem zu erreichen. Der Jungunternehmer bekommt inzwischen immer öfter Fotos zugeschickt, die seine Hosen im Einsatz zeigen: beim Bergsteigen auf der Zugspitze, beim Tanz mit Hula-Schönheiten auf Hawaii. Noch besser gefällt es ihm natürlich, wenn solche Fotos auf Instagram und in anderen sozialen Medien gepostet werden.

Zum Erfolg beigetragen hat sicher auch der mit der Tradition spielende Markenname „Brandner und Kneißl“, der gleich zwei urbayerische Rebellen ehrt. Da ist zum einen der Brandner Kaspar, eine literarische Figur aus einer Erzählung Franz von Kobells, die 1871 in den „Fliegenden Blättern“ veröffentlicht wurde. Der Titelheld, ein verwitweter Büchsenmacher und Schlosser, betrügt darin den als Person auftretenden Tod und ergaunert sich mit ein paar Gläsern Kirschgeist zusätzliche Lebensjahre. „Das Stück ist zwar fast 150 Jahre alt“, sagt Thalhammer. „Aber immer noch so schön, dass man nur eines will: mehr davon.“ Und der andere, der Räuber Kneißl? „War ein Krimineller, klar. Trotzdem verehren wir ihn, den Robin Hood aus den Voralpen, als Volkshelden. Weil er sich der Obrigkeit entgegen stellt. Weil er nicht akzeptiert, dass er in der Gesellschaft keine Chance bekommen soll.“ Zwar beendete noch vor seinem 30. Geburtstag die Guillotine das Leben des realen Räubers Kneißl, „aber nur, um ihn damit unsterblich zu machen“, schließt der Hosen-Tätowierer.

Damit ist dann auch klar, welche Motive seine eigene Ledernen zieren: das Firmen-Logo, also die „Brandner und Kneißl“-Krone, kombiniert mit einer Hibiskus-Blüte und dem Logo von „Pearl Jam“, Thalhammers Lieblingsband. Inzwischen hat der weiß-blaue Gründer noch eine zweite Marke auf die Straße gebracht: Unter dem Label „Aloha Bavaria“ vertreibt er T-Shirts, Hoodies, Sonnenbrillen Taschen, Schmuck Caps und Gürtel im Surf-Look, alles mit einem bayerischem Twist. Steht dahinter auch ein politisches Statement? „Aloha bedeutet für mich Leben ohne Ausgrenzung, Landschaft und Wasser ohne Besitzanspruch, Tradition ohne Engstirnigkeit. Ich will den Begriff Bayern moderner interpretieren. Da ist mehr als Berge, Blasmusik und Bier.“

Lange gezögert hat er beim Thema „Lederhosen für Frauen“. – „Ich finde, Frauen sehen im Dirndl viel zu gut aus, um sie in Lederhosen zu stecken.“ Aber die Kundin sei nun einmal Königin. Und deshalb gibt es inzwischen auch lässig geschnittene, aber nicht zu kurze Frauenlederhosen. Ansonsten setze er mit Marion Glas, seiner Tätowiererin, ja ohnehin auf das weibliche Geschlecht.

Dass Thalhammer eines Tages mit „gebrannten“ Lederhosen Geld verdienen würde, verdankt er einigen Zufällen und Bocksprüngen des Lebens. Nach dem Abi war er Zivi, danach arbeitete er mit behinderten Kindern und Jugendlichen. „Es war ein Job, den ich geliebt habe“, schwärmt er. Irgendwann begann er, Musik und Gesang zu studieren, musste jedoch wegen einer schweren Kehlkopfentzündung aufgeben. Er kehrte zu den Kindern zurück, studierte Sozialpädagogik, machte zwischenzeitlich auch mal die Musik zu seinem Hauptjob. Bis eben die Lederhosen das Rennen um seine Aufmerksamkeit gewannen. Heute macht der Familienvater Musik nur noch zum Spaß und zuhause. Seine gesamte Energie und Kreativität steckt er in die Weiterentwicklung der beiden Marken. Fast hat man den Eindruck, dass da einer, der mal ziemlich rebellisch war, zum seriösen Geschäftsmann geworden ist. Der Kopf hinter „Brandner und Kneißl“ träumt sogar von einem Shop in Kalifornien. Bay-Watch mit Lederhosen aus Bavaria – das könnt‘ tatsächlich was werden.
Autor: Günter Kast

www.aloha-bavaria.com   |   www.brandner-kneissl.bayern