St. Urban – Eine kleine Hofbrennerei setzt große Ziele um

Im italienischen Girlan scheint die Sonne an mehr als 300 Tagen im Jahr. Zu jeder Jahreszeit zieht dieses Geschenk Gäste nach Südtirol, die zum Wandern, Biken, Skifahren oder schlicht zum Genießen von überall her strömen. 300 Sonnentage bewirken aber noch mehr. Das alpin-kontinentale, milde Klima lässt hier unterschiedlichste Pflanzen gedeihen, allen voran den Wein. Auf bis zu eintausend Metern Höhe gibt es warme Böden aus Kies und Sand. Die kalkhaltige, steinige Dolomit-Erde ist nicht nur in den Alpen, sondern weltweit ein Unikat und bietet in Kombination mit dem Klima, ein optimales Fundament. Für gesunde Pflanzen, aber auch für exzellente Produkte. In den Tälern und Hängen um Bozen wächst aber bei Weitem nicht nur Wein. 

Die Südtiroler Weinstraße führt von Nals im Norden durch das Etschtal bis nach Salurn im Süden. Zwischendrin, da liegt Girlan. Hier betreibt Erwin Leimgruber mit seiner Frau Rosi den St. Urban Hof. Der Tourismus ist wie überall im Tal eine wichtige Einnahmequelle, weswegen der Hof schon früh zum edlen Feriendomizil umgebaut wurde. Leimgrubers sind aber auch eine von vielen Weinbauernfamilien des Tales. Von Anfang an standen sie unter einem besonders guten Stern, denn der heilige Urban ist der Weinpatron, der Schutzheilige des Weines. Erwin Leimgruber schlug aber noch einen weiteren Weg ein. Mit einer intensiven Ausbildung zum Brennmeister und Sensoriker, schuf er die Basis für ein außergewöhnlich hohes Arbeitsniveau, bis er 2008 kurzerhand eine Brennerei direkt im Hof eröffnete. Heute, 12 Jahre nach der Eröffnung, kann Erwin eine lange Liste begehrter Preise sein Eigen nennen. Anfangs produzierte er nur sechs Sorten, die Palette weitete sich jedoch schnell aus und umfasst heute schon 30 Produkte. Er bietet Führungen und Verkostungen an, die ganze Familie hilft auf dem Hof mit. Rosi kümmert sich um den Hofladen, während Sohn Felix schon in die Fußstapfen des Vaters tritt und eine Ausbildung zum Destillateur absolviert. Tochter Elisa studiert in Innsbruck, aber auch sie hilft so oft sie kann auf dem Hof aus. Und auf Rosis Heimathof in Villanders im Eisacktal kultivieren die Leimgrubers auf 850 Metern über dem Meer das Obst für die exquisiten Brände. Äpfel, Marillen, Birnen, Kirschen, Zwetschgen und natürlich Weintrauben finden hier die für sie so wichtigen Temperaturunterschiede. Warme Tage und kühle Nächte. Rosis Mutter lebt mit stolzen 86 Jahren hier oben und überwach täglich die Gesundheit und Reife der Früchte. Der nahegelegene Hof bietet dabei einen großen Vorteil. Leimgruber kann mit der Ernte warten, bis die Früchte vollreif sind und sie noch am Erntetag verarbeiten. Kein Obst muss in Kühlzellen nachreifen. So entstehen sehr hochwertige Produkte.

Hier oben beginnt also der lange Weg zum fertigen Produkt. Bei oftmals drei Pflückgängen wird nur das sonnengereifte und unbeschädigte Obst geerntet. Im Tal werden daraus die edlen Tropfen, einzigartige Fruchtbrände auf höchstem Niveau. Das darf dann auch ruhig etwas länger dauern, wie beispielsweise beim Jahrgangsgrappa, der aus den Traubentrestern gewonnen wird, deren Ursprung in den besten Lagen Girlans liegen. Alle Arbeitsschritte hierfür, also das Auslauben, die Ertragsreduzierung und der Rebschnitt, die auf das Jahr verteilt anfallen, werden per Hand erledigt. All das, um eine hohe Qualität zu garantieren. Im Oktober findet dann die Ernte statt. Händisch wird jede Traube abgeschnitten und kontrolliert. Die Ernte wird der Kellerei geliefert, wo noch am gleichen Tag die Weinherstellung beginnt. Der dabei entstehende Trester ist aber nur die eine Basis Leimgrubers Grappas. Einen weiteren wichtigen Grundstein für das fertige Produkt wird im Nachbardorf gefertigt. In traditioneller Handarbeit werden dort Eichenfässer gebunden. Drei lange Jahre ruht der Brand, den Leimgruber langsam, aromaschonend und zweifach destilliert hat dann im Fass, bis der Barrique-Grappa sein volles Aroma entfaltet. Der Alkohol nimmt dabei Farbe und Geschmack aus den Fasern des Holzes an. Die geradlinigen Rotweinaromen des Destillats erhalten süßliche Vanille und Karamelltöne und werden dadurch abgerundet. Diese Geduld, sowie Leimgrubers Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Wissen, brachten den St. Urban Grappas und der Brennerei auf der internationalen Edelbrandmeisterschaft “Destillata 2015” den Nationensieg. Er erzielte für die Produktgruppe Steinobst und die Produktgruppe Grappa jeweils den Sortensieg. Zusätzlich wurde der Grappa Sauvignon mit Gold ausgezeichnet. 

Zu diesem Zeitpunkt ist die Brennerei erst sieben Jahre jung, strebt aber schon längst steil bergauf. Viele Preise und Prämierungen wurden seitdem entgegengenommen, Zusammenarbeiten mit anderen Genussmanufakturen entstanden. So nutzt etwa Oberhöller im Sarntal die Brände für die Füllungen erlesener Pralinen. Für den Schokoladenhersteller, der die edelsten Schokoladen der Welt verarbeitet, ist Leimgrubers Produktqualität, aber auch die Regionalität und Nachhaltigkeit ein wichtiges Kriterium. Das Sortiment umfasst mittlerweile schon Pralinen mit Williamsbrand, Limoncello, Himbeerbrand und Grappa Goldmuskateller. 

Doch die Obstbrände sind noch lange nicht die einzigen Highlights, die in Leimgrubers Brennerei gezaubert werden. Für Südtirol eher untypisch, sticht da ganz besonders ein Getreideprodukt hervor. Leimgruber, der gerne selbst auch mal ein Glas Whisky trinkt, musste bisher aber auf ein regionales Produkt verzichten. „Da hat es mich wieder einmal im kleinen Finger gejuckt. Die Herausforderung war natürlich groß, aber das ist auch der Reiz, wenn man etwas Neues kreieren möchte. Vor fünf Jahren habe ich mit der Planung begonnen.“ Die Worte eines tüchtigen Pioniers, der zahlreiche bürokratische Hürden überwinden musste, da die gesetzlichen Auflagen für Alkohol, besonders aber für Whisky, in Italien sehr hoch sind.  Aus nichts als gemälzter Gerste und reinem Quellwasser destilliert er Südtirols ersten Single Malt Whisky. Und trotzdem war es Leimgrubers Ziel, eine völlig neue Spirituose zu brennen. Das Gerstenmalz dazu stellte er gemeinsam mit einer Brauerei am Schlern her. Dieses Malz destilliert er vorsichtig zweimalig. Ausgebaut in Gewürztraminer-Passito Fässern, vereinen sich ihn ihm dezente Rauchnoten, milde Malzsüße und wunderbare Fruchtigkeit zu einem Geschmackserlebnis der besonderen Art. Erst im Hebst 2019 kam der St. Urban Whisky auf dem Markt, der schön zeigt, wie mutig und innovativ Leimgruber Ideen umsetzt. Und schon jetzt tüftelt er an neuen Produkten und Ideen. Immer mit dem Ziel, das er vom ersten Tag an vor Augen hat: Produkte auf höchstem Niveau herzustellen. Im Familienbetrieb und aus regionalen, auserwählten Zutaten. In der Genussregion Südtirol.

Text: Benni Sauer