Projekt Vitra: Weltsicht und Eigensinn

Fast wie wild übereinander eingestürzte Bauklötze, so steht das Vitra Haus auf saftig grünem Rasen. Klare Kanten. Schlicht und einfach. Und trotzdem ein konzentriertes Chaos, das doch insgesamt sanfte Konfusion entfacht. Unweit dieses vierstöckigen Showrooms findet man das Vitra Design Museum. Es zählt zu den führenden Designmuseen weltweit und beherbergt große Wechselausstellungen, aber auch andere Präsentationen, die einen aktuellen und oftmals experimentellen Ansatz verfolgen. Im Archiv des Vitra Design Museums werden die Sammlung des Eames Office sowie die Nachlässe bedeutender Designer wie Alexander Girard, Anton Lorenz, George Nelson aufbewahrt. Im Vitra Schaudepot dagegen, kann eine imposante Sammlung bestaunt werden. 7000 Möbelstücke, 1000 Leuchten. Das Depot stellt damit einen der wichtigsten Bestände des Möbeldesigns dar und zeigt, wie die anderen Bauwerke auch, was Vitra eigentlich ist. Kein Möbelstück, sondern eine – sind wir mal ehrlich – echt gute Idee!

Vitra Campus
Ja, das Schweizer Familienunternehmen entwickelt und baut Möbel. Aber damit ist es noch lange nicht getan. Der Vitra Campus im deutschen Weil am Rhein, nur einen Katzensprung von Basel entfernt, ist ein Architekturpark, der die Charakteristik des Unternehmens gut widerspiegelt. Die Eigenart, wild zusammengewürfelte Gebäudestrukturen in ein, irgendwie schräg homogenes Ganzes einfließen zu lassen. 

Die früheren Produktionsgebäude fielen 1981 einem Brand zum Opfer. Startschuss für eine einmalige Entwicklung. Die Erschaffung eines Anziehungspunktes für Architekturliebhaber aus der ganzen Welt. Der legendäre Architekt Philip Johnson schrieb darüber: „Seit der Gründung der Weissenhofsiedlung in Stuttgart im Jahr 1927 wurden nirgends auf der Welt mehr Bauwerke von den herausragendsten Architekten der westlichen Hemisphäre errichtet“. In gewisser Weise ist der Campus ein desorganisiertes, vitales Kulturstück, das zeigt und anregt, was möglich ist. Was Sinn macht. Aber auch strenge Konsequenz ist allgegenwertig. Als Reaktion auf den Brand von 1981 richtete Vitra ein Feuerwehrgebäude ein. Architektin war niemand geringeres als die iranische Koryphäe Zaha Hadid. Das Bauwerk, ohne rechte Winkel, ganz ohne Farbe, kontrastiert mit den übrigen Gebäuden und wieder kommt man nicht umhin, über das Gesamtkonzept Vitra zu sinnieren. Währenddessen steht das Gebäude still vor einem, in Form und Gewalt einer erstarrten Explosion.

Die Zukunft der Arbeit 
Vieles hat sich geändert in den letzten Monaten. Das Home-Office rutscht ins Wohnzimmer, hinter das Bett oder auf den Frühstückstisch. Öffentliche Räume dagegen werden zunehmend gemieden. Es entstand eine neue Normalität gemeinschaftlich genutzter Räume. Keine einfache Aufgabe, auch nicht für Vitra. Im Vitra Summit aber, wird sie angepackt, diskutiert und weitergedacht. Denn für Vitra ist es an der Zeit, über die Zukunft der Arbeitsumgebung und damit auch über die zukünftige Bedeutung von »zu Hause« nachzudenken. Mit dieser digitalen und kostenfreien Veranstaltung geht Vitra weit über das Möbel-Thema hinaus und regt einen digitalen Austausch an. Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, Expertenwissen und optimalen Methoden rund um die Zukunft gemeinsam genutzter Räume. Next step: future!

Produkte, Möglichkeiten, Lösungen für die bevorstehende Fusion, stellt Vitra schon heute bereit, um der neuen Dynamik innerhalb der eigenen vier Wänden Herr zu werden. Der Produzent stellt schon seit über 40 Jahren Bürostühle her – und vergisst dabei nicht, auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Besser sitzen, besser Arbeiten. Der Leitfaden ist wieder klar und deutlich, das Ergebnis ist es allemal! Langes Sitzen kann gesundheitsgefährdend sein, ganz egal ob am Arbeitsplatz oder daheim. Weggefallene Arbeitswege, Pendlerbewegungen oder Reisetätigkeit führen zu langem Sitzen und wieder hilft Vitra. Mit klassischen und zeitgenössischen Möbeln, die sich elegant gestaltet im Büro ebenso gut einfügen wie im Wohnzimmer, der Essecke, oder auf der Terrasse. Vitra setzt die Kraft guten Designs ein, um die Qualität von Wohnräumen, Büros, aber auch von öffentlichen Einrichtungen nachhaltig zu verbessern.

Mission Statement
Die Frage ist also nicht warum, oder ob. Die Frage ist wie. Und die Antwort ist Vitra. Innovative Produkte sind zwar der Kern des Schweizer Unternehmens, doch die eigentliche Message ist klar: Wirklich inspirierende Wohn- und Arbeitsräume zu schaffen. Mit Hilfe von kreativen Designlösungen, technischem und konzeptionellem Knowhow und einem umfassenden Designer- und Architektenteam, dem pulsierenden Wesenskern Vitras. Autoren nennt man bei Vitra die Mitglieder dieses Zentrums. Da ist Tadao Ando, der japanische Architekt, der den Konferenzpavillon auf dem Vitra Campus entstehen ließ. Still, zurückgezogen, fast schon meditativ steht seit 1993 Tadaos erstes Gebäude außerhalb Japans. Álvaro Siza, bereits 1933 in Portugal geboren, realisierte er die Produktionshalle und die nach ihm benannte Álvaro-Siza-Promenade. Beide sind sie Pritzker-Architekturpreisträger, wie viele andere der Architektinnen und Architekten auch. Ergänzt werden, beziehungsweise wurden sie vom anfangs erwähnten Ehepaar Charles und Ray Eames. Dem Schweizer Stephan Hürlemann. Und vom Textildesigner Alexander Girard, dessen abstrakte Muster und Formen bis heute nicht an Aktualität verloren haben. Erst recht nicht für Vitra. Denn seit ein paar Jahren beschäftigt sich Vitra und das Vitra Design Museum mit der Aufarbeitung und Wiederbelebung von Alexander Girards Werk. Ein buntes Team aus aller Welt, von überall her, mit ein und derselben Idee.

Welche Grenzen Vitra sprengt, was Kunst, Kultur, Natur und die Verknüpfung all dessen bewirkt? Wer aus der verwobenen Unternehmensstruktur nicht schlau wird, der sollte sich auf den Rehberger-Weg machen. Er verknüpft über eine Länge von rund fünf Kilometern zwei Länder, zwei Gemeinden, zwei Kulturinstitutionen – die eine in Deutschland, die andere in der Schweiz. Die Wegweiser? Keine gelben Schildchen. Keine Landkarte und keine Markierung. Kunst und Design für den Wanderer, der sich letztendlich doch durch die 24 Objekte irgendwie orientieren kann. Und ist es nicht das, was Vitra macht? Einen roten Faden ziehen, über die Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint? Mit Weltsicht und Eigensinn?

Text: Benni Sauer | Bilder: Vitra