Hoch, höher, ORMA

Die höchstgelegene Whiskey-Destillerie der Welt

Dünne Luft herrscht hier oben. Weniger Sauerstoff – geringerer Druck. Auf 3303 Metern ticken die Uhren einfach anders. Erst recht seit vergangenem Oktober, denn seitdem leistet auch eine Whiskey-Destillerie ihren Dienst in der eisigen Höhe – mit überraschendem Ergebnis!

Rinaldo Willy und Pascal Mittner sind zwei Schweizer Unternehmer, die eigentlich nicht viel mit Whiskey am Hut hatten. Überhaupt hat für die meisten Menschen die Schweiz relativ wenig mit dem ursprünglich irischen Destillat zu tun. Grund genug für die beiden Männer, daran etwas zu ändern. Willy, dessen gegründete Firma eigentlich Erinnerungs-Diamanten hergestellt und Mittner, dessen Unternehmen in der IT-Branche angesiedelt ist, schmiedeten einen Plan – und verwirklichten ihren Traum: ORMA3303!

Aber warum überhaupt seinen Betrieb auf die wohl unzugänglichsten paar Quadratmeter weit und breit verlegen? Warum eine Baustelle mit riesigen Hürden, könnte der Whiskey doch auch einfach und unkompliziert im Tal destilliert werden? Dieses Vorhaben klingt anfangs wie ein ausgefuchster Marketing-Gag, und ja, das ist es auch. Aber eben nicht nur. «Einerseits geht es darum, eine Vision zu realisieren, welche die Schweiz als Whisky-Nation bekannt machen soll, quasi ein Leuchtturm, der weit über die Grenzen strahlt.» Willy, der sympathische Engadiner, betont aber gleich im nächsten Atemzug, was dahinter steckt. „Andererseits hat die Höhe einen spannenden Einfluss auf das Brennverhalten. Auf dieser Höhe ereignet sich der Destillationsprozess bei rund 10 Grad tieferer Temperatur als auf Meereshöhe. Das bedeutet: Mehr Aromen und höhere Komplexität, die erhalten bleiben.»

Die beiden Brennmeister lassen es sich da natürlich auch nicht nehmen, Gäste, Interessenten und Freunde persönlich durch das Weltrekord-Bauwerk zu führen. Denn zur Philosophie von ORMA gehört Zeit, Freundschaft und Wertschätzung. Und das spüren die Besucher viermal in der Woche, wenn Mittner und Willy durch die Brennerei führen, Leidenschaft und Know-How bei einer Degustation teilen. Verschiedene Whiskey-Editionen stehen zur Verfügung. Allen voran die ORMA Corvatsch Edition. Diese Whisky Schöpfung reift in einer Grotte hier oben auf dem Berg, auf 3303 Metern. Auf persönliche Einladung, wird jährlich am 8. August ein vorgereiftes Fass durch acht Männer zeremoniell in die Höhe gebracht, eingelagert und im Anschluss das reife Fass für die Abfüllung der 303 Flaschen zu Tale gebracht.

Vor den Türen der Destillerie liegt eine der schönsten Aussichtsplattformen der Schweiz: Der wuchtige, gletscherüberzogene Piz Corvatsch wäre an sich schon ein Hingucker. Hier aber geht der 3451 Meter hohe Gipfel fast schon unter. Die kecke Spitze des Piz Roseg, der mächtige Piz Bernina, höchster Berg und einziger 4000er der gesamten Ostalpen. Der wuchtige Piz Morteratsch und dahinter spickelt sogar der dreigipflige Piz Palü hervor. Überall zwischen diesen Felsgiganten streben mächtige Eisströme hinab. Unzählige Gletscher, tausende Spalten, Seracs und Mühlen. Wer mit der Seilbahn von Norden zur Orma Destillerie hinauffährt, könnte nicht eindrucksvoller den Hochalpen mit all ihrer Schönheit entgegentreten.

Anders sieht es auf der gegenüberliegenden Seite aus. Hier wird deutlich, warum der Gipfel auch als Sportberg bezeichnet wird. Pisten, Snowpark, Freeride-Gelände, gesicherte Schneeschuhtrails: Der Corvatsch bietet alles und die Bergstation unterhalb seines Gipfels ist ganz nebenbei die höchste Graubündens!

Graubünden ist in vielerlei Hinsicht eine Rekord-Region, auch was den Whiskey angeht. Und das nicht erst, seit Willy und Mittner ihren Traum von ORMA3303 verwirklicht haben. Graubünden kann gleich zwei weitere Whiskey-Weltrekorde vorweisen: Nur neun Kilometer Luftlinie von der neuen Brennerei auf dem Corvatsch entfernt, liegt eine Bar mit dem eindrücklichen Namen „Devil’s Place“. Mit rund 2500 Whiskysorten zählt sie zu den größten Whisky-Ausschankstellen der Welt. Die Bar in St. Moritz wurde dafür gleich mit zwei Einträgen im Guinness-Buch der Rekorde gewürdigt. 

Graubünden hat also die größte Whiskey-Auswahl und die höchste Destillerie der Welt. Was fehlt? Natürlich: Die kleinste Bar der Welt! Kein Witz, auch die finden Freunde des edlen Tropfen in Graubünden. Genauer im winzigen Bergdorf Sta, das allein schon wegen der Anfahrt einen Besuch wert ist. Wer in dem Etablissement mit dem Namen „the Smallest Whiskey Bar on Earth“ einkehrt, teilt sich zwar den Raum nur mit maximal vier weiteren Besuchern – mehr Menschen passen einfach nicht in den 8,53 Quadratmeter kleinen Raum – darf sich aber auf eine unvergessliche Atmosphäre, Fachwissen und Anekdoten des Gastgebers Gunter Sommer freuen.

Text: Benni Sauer