Dem alten Handwerk verschrieben

Lederhosen Eigner aus Berchtesgaden

Ein handgemachtes Schmuckstück. Wertig fühlt es sich an, das gegerbte Hirschleder, das erst unzählige Arbeitsschritte durchlaufen musste, um zum Prestigeobjekt der alpinen Lebensart zu werden.

Keine Massenware
Traditionell hergestellt ist die Lederhose heute eine Besonderheit. Weltgrößter Lederhosenproduzent ist nämlich keineswegs eines der Alpenländer, sondern weit entfernte Länder wie Indien, Pakistan oder Bangladesch. Eine Entwicklung, vor der sich die Familie Aigner jedoch nicht zu verstecken braucht. Nun schon seit 35 Jahren werden in der Säckler-Werkstatt ganz besondere Lederhosen geschaffen. Ob kurz oder lang, ob Kniebundhose oder Federkiel-Hosenträger: Aigners nehmen Maß, schneiden und nähen für jeden Kunden passgenau das perfekte Beinkleid. Nachhaltigkeit, eine durchsichtige Herkunftsgarantie und natürlich made in Bavaria sind hier eine Selbstverständlichkeit. In der Werkstatt ebenso wie in den Verkaufsräumen, wo Aigners zusätzlich hochwertige Trachtenbekleidung renommierter Hersteller aus dem Alpenraum vertreiben.

Bayerns Süden
Der äußerste Südosten Deutschlands, Berchtesgaden: Bayern wie aus dem Bilderbuch. Hier befindet sich der einzige Alpen-Nationalpark Deutschlands. Er lockt täglich tausende Besucher, ganz besonders zum Königssee. Über seinem glasklaren Wasser, da thront der Watzmann, zentraler Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen und mit 2713 Metern auch der höchste weit und breit. Von seiner Südspitze stürzt das Gelände nach Osten bergab. Mehr als 2000 Höhenmeter, bis nach St. Bartholomä am Seeufer. Die höchste Wand der Ostalpen.

Aber auch in Berchtesgaden lebt das bayrische Bild. Die Berchtesgadener War, also aus Holz geschnitzte Spielzeuge, sind schon seit mehr als 500 Jahren beliebte, traditionelle Erzeugnisse. Bier, gebraut nach dem ebenfalls über 500 Jahre alten Reinheitsgebot, ist gleichermaßen eine Handwerkskunst der Region. Aber all das wäre nichts ohne die Lederhose. Sie vereint Tradition, Geschichte, Handwerk und Kultur und mit jeder Hose, die Aigners Säckler-Werkstatt verlässt, lebt diese Kultur weiter.

Familienteam
1985 war es, da richtete Engelbert Aigner sen. im Elternhaus eine kleine Werkstatt ein. Direkt nach der abgeschlossenen Lederhosenmacherlehre fertigte er auf diesem Hof in Bischofswiesen seine ersten Berchtesgadener Lederhosen. Dabei übernahm er ganz besondere, fast einhundert Jahre alte Schnitte und Stickmuster. Die berühmten Berchtesgadener Lederhosen wurzeln nämlich allesamt bei Franz Schweser, der schon 1888 tätig war.  

Aigners Geschäft lief gut an. Nicht zuletzt, weil er als passionierter Volksmusikant und Ziachmusispieler engen Kontakt zu Trachtlern, Musikanten und Brauchtumskennern hatte. Ein erster Name sowie ein solider Kundenstamm waren so schnell geschaffen. 

Heute, im Herzen Berchtesgadens, arbeiten sechs Familienmitglieder im Betrieb. Die beiden Söhne Engelbert jun. und Michael Aigner sind ebenfalls Lederhosenmacher – Engelbert jun. sogar führt sein Handwerk als Meister aus. Christina Aigner kümmert sich um die vielen Dinge, die im Hintergrund ablaufen. Das Büro, das angeschlossene Trachtengeschäft und die allgemeine Organisation. Außerdem sind im Betrieb zwei Schwestern Engelbert sen. tätig und Schäferhündin Pia, die ebenfalls zur Familie gehört, wacht über Haus und Hof.

Die gesamte Familie weiß dabei sehr wohl, welchen Stellenwert ihre Produkte heute haben. Gefragt sind keine Massenprodukte vom Band, sondern langlebige Qualitätsware, die als Erbstück ohne Weiteres von Generation zu Generation weitergegeben werden kann.

Wie Qualität entsteht
Damit ein Kleidungsstück so lange getragen werden kann, bedarf es hochwertigster Produkte und viel Erfahrung bei der Herstellung. Bis eine Lederhose die Werkstatt verlässt, durchläuft sie eine Vielzahl verschiedener Produktionsschritte. Am Anfang jeder Lederhose, da steht immer ganz klar der Kunde. Er kann sich in Aigners Säcklerei für ein Modell entscheiden, für das richtige Leder und die Stickerei. Erst dann wird Maß genommen. Exakt nach diesen Maßen werden die Hosenteile aus der Hirschhaut geschnitten und für das Aufzeichnen der Muster hergerichtet. Je nach Modell können das über 30 verschiedene Teile sein. Aus einer Vielzahl alter Muster ausgewählt, werden sie mit einer Bürste und Kreidestaub auf das Leder übertragen. Sorgsam positioniert der Lederhosenmacher sie so, dass sie später exakt spiegelgleich auf der Lederhose prangen. Die Stickerinnen verzieren dann das Leder in aufwändiger Feinstarbeit, wofür ausschließlich Maulbeerseide in traditionellen Farben verwendet werden. So schreibt es die Tradition vor. Dann erst werden die verschiedenen Teile zusammengenäht, wobei die typischen Säckler-Nähte entstehen. Deren Überstände werden zuerst beschnitten, später dann weichgeklopft. So entsteht das typische Bild der Lederhose. Schließlich wird das Einzelstück von Staub und Fusseln befreit, einer Endkontrolle unterzogen und mit einem Brandsiegel im Bund versehen. Der Preis für ein solches Unikat liegt dabei zwischen eintausend und dreitausend Euro. Vergleiche bezüglich Langlebigkeit, Nachhaltigkeit oder Verträglichkeit von Inhaltsstoffen der asiatischen Massenprodukte sind hier eigentlich überflüssig.

Nachhaltigkeit
Hirschleder ist ein Naturprodukt. Und gerade hier legt die Familie Aigner großen Wert auf eine nachhaltige Herstellungs- und Produktionsweise. In der Lederhosenwerkstatt arbeiten Aigners schon immer mit schadstofffreien Naturmaterialien. Dabei verwenden sie ausschließlich sämisch gegerbtes Hirschleder, Naturfarbe aus Holz und Leim, der aus einer Mischung aus Wasser und Roggenmehl besteht. Das gibt ihnen nicht nur ein gutes Gefühl bei der Arbeit, sondern vor allem auch den Kunden ein gutes Gefühl auf der Haut!

Und auch im Trachtenfachgeschäft, das mit urigen Holztafeln ausgekleidet eine gemütliche Natürlichkeit verspüren lässt, ist diese Philosophie Tagesordnung. Alle zugekauften Trachten sind zu einhundert Prozent in Europa produziert und gefertigt, die meisten sogar in Deutschland und Österreich. Eine firmeneigene Zeitung, das Hausblattl, klärt Kunden und Interessierte auf. Über Qualitätsbewusstsein, die aufwendige Handarbeit und nicht zuletzt über die bayrische Lebensart, die schon fast spürbar wird, blättert man auch nur kurz durch die Seiten.

Ja, viel Arbeit steckt in so einem Kunstwerk. Zwei der großen weichen Hirschfelle reichen dabei oftmals auch nur für eine Hose. Aber nicht nur edle Rohstoffe und viele Stunden Handarbeit rechtfertigen die hohen Anschaffungskosten. Denn wie Engelbert jun. erzählt, so trägt er noch immer gerne die Lederhose seines Urgroßvaters. Sie wurde in den dreißiger Jahren gefertigt und noch immer ist sie in einem exzellenten Zustand. Und so wissen Aigners immer genau, auf welch hohen Niveau sie arbeiten: Mit nicht viel mehr als Leder und Garn lassen sie traditionelles Kunsthandwerk auferstehen und fertigen Produkte, die schnell mehrere Generationen überdauern können.

Autor: Benni Sauer